Reportage Hooglede

Aus dem Dunkeln gehoben

Kriegsgräberstätte Hooglede mit flämischer Hilfe restauriert

Friedhof, WK I
Hooglede_Belgien
Aufn. Siegfried Grund, 16. Juni 2006
Friedhof, WK I
Hooglede_Belgien
Aufn. Siegfried Grund, 16. Juni 2006

Freitag, 4. Mai 2012: So schnell können die Augen ihnen gar nicht folgen, den 75 Kindern aus Hooglede und Gits. In rasender Eile haben sie sich die Nelkensträuße geholt und in die 385 Vasen auf dem Friedhof verteilt. Alles geht hier Hand in Hand: Mitglieder und Spender des Volksbundes haben die weißen Nelken gestiftet. Mitarbeiter des Volksbundes haben an jedem Grab eines unbekannten Soldaten eine Vase aufgestellt. Die Kinder verteilen die Blumen. Später kommen die sieben Männer und eine Frau der Reservistenkameradschaft Idstein/Hessen hinzu, entfernen die Plastikumhüllungen der Sträuße und füllen die Vasen mit frischem Wasser. Nach letzten Reinigungsarbeiten steht alles bereit für die Feier der Wiedereinweihung der deutschen Kriegsgräberstätte Hooglede am 5. Mai. Und es hört sogar pünktlich auf zu regnen.

Drei Brüder

Fast 94 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges sind es nur noch wenige Angehörige, die den Weg nach Flandern an die Gräber der deutschen Soldaten finden. Aber es gibt sie. An ganz prominenter Stelle ist dabei der deutsche Botschafter in Belgien, Dr. Eckart Cuntz, zu nennen. Drei Brüder seines Großvaters haben im Ersten Weltkrieg das Leben verloren - zwei davon hier in Flandern. In seiner Familie ist die Erinnerung an sie immer noch lebendig. Chrissie Kjaer ist sogar aus Dänemark angereist - ihr Großvater Christian Kjaer ist als Angehöriger der dänischen Minderheit in Nordschleswig zur preußischen Armee eingezogen worden und liegt nun in Hooglede bestattet.

An manchen Gräbern stehen frische Blumensträuße und Kränze, bestellt über den Grabschmuckservice des Volksbundes. Dies mag ein Zeichen dafür sein, dass es bei uns doch manche Familien gibt, deren Gedanken und Interessen nicht nur auf das Heute oder Morgen gerichtet sind, in denen der familiäre Horizont nicht bei den Großeltern aufhört. Und tatsächlich ist vielerorts ein zunehmendes Interesse an Ahnenforschung, an den Wurzeln der eigenen Familie, an der eigenen Herkunft zu beobachten. Die heutigen Besucher von Friedhöfen des Ersten Weltkrieges haben häufig ein eher historisches Interesse. So jedenfalls ist es bei Karl-Heiko Neumeister, Gernot Bajorath und Helmut Kölzer. Sie haben bei ihren Reisen schon viele Kriegsgräberstätten gesehen, von der Normandie bis Zentralrussland. Sie treibt nicht zuletzt die Frage um, wie sehr der Erste Weltkrieg mit seinen Folgen ursächlich für den Zweiten Weltkrieg war.

Der Tote im Garten

Ein Mensch, der an Menschen und an der Geschichte interessiert ist, ist Chris Spriet. Der ehemalige Lehrer aus Turnhout hat an einem Traditionsgymnasium unterrichtet, dem St.-Josefs-Institut. Es diente den deutschen Truppen im Ersten Weltkrieg als Lazarett. Im damaligen Kriegslazarett 122 verstarb am 2. Mai 1915 der im Kampf schwer verwundete Gefreite Johann Gross. Lange lag er im Garten der Schule, der als Lazarettfriedhof gedient hatte, bis er schließlich nach Hooglede umgebettet wurde. Sein Grab Nr. 8201 in der Reihe unmittelbar vor der in den 1930er Jahren errichteten Bogenhalle, sein Schicksal ist am Abend des 4. Mai Gegenstand eines Vortrags von Chris Spriet. In einer rührenden Zeremonie gedenken anschließend Deutsche und Belgier dieses Menschen, der als 18-Jähriger wie so viele andere dem sinnlosen Massentöten dieses Krieges zum Opfer fiel. Aus Menen sind extra zwei Trompeter angereist, die zum Gedenken an Gross und die anderen Gefallenen das traditionelle Totensignal "Last Post" spielen. Am nächsten Tag werden bei der Gedenkveranstaltung deutsche Schüler der Europaschule Friesenschule Leer und britische Schüler der Reepham High School weitere Schicksale - deutsche und britische - aus dem Dunkel heben. Erschütternd ist, wie sehr sich die in britischen und deutschen Feldpostbriefen niedergeschriebenen Gedanken ähneln ...

Gemeinsame Verantwortung

Hier in Flandern liegen vier große deutsche Kriegsgräberstätten des Ersten Weltkrieges, neben Hooglede sind dies Langemark, Menen und Vladslo. Der belgische Staat, vor allem der flämische Landesteil, ist sich der Bedeutung der Kriegsgräberstätten für die Geschichte und die Gegenwart bewusst - und setzt dies auch konsequent in Unterstützungsmaßnahmen zum Erhalt der Friedhöfe und zur Verbesserung ihrer Erreichbarkeit um. So haben für die Restaurierung des deutschen (!) Friedhofs Hooglede die flämische Regierung, die Provinz Westflandern und die Gemeinde Hooglede zusammen 80 Prozent der Kosten übernommen - ein Vorbild für die Wahrnehmung einer gemeinsamen Verantwortung, das für andere Länder bisher und wohl auch in Zukunft nur zu erhoffen wäre.

Der deutsche Botschafter und der Generalsekretär des Volksbundes, Rainer Ruff, würdigen dieses Engagement am 5. Mai vor den über 250 Teilnehmern der Gedenkveranstaltung. Wie sehr den Flamen dieser Friedhof und das Anliegen des gemeinsamen Gedenkens, der Versöhnung und des Friedens am Herzen liegen, zeigen die Ansprachen des flämischen Vizeministerpräsidenten Geert Bourgeois und des Hoogleder Bürgermeisters Jozef Lokere.

Erfreuliche Zeichen

Der deutsche Botschafter gibt einen Hinweis darauf, dass diese Veranstaltung einen wichtigen Auftakt für den in ganz Europa bedeutsamen 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges gibt. Auch wenn in Deutschland die Erinnerung an die Schrecken und Verbrechen des Zweiten Weltkrieges alles Frühere zu überdecken scheint, so sollte man doch einmal nach Flandern schauen ... denn hier ist heute ein gemeinsames friedliches Europa Gegenwart. Die zum Schluss der Veranstaltung von der hervorragenden "Königlichen Harmonie der Vereinten Freunde aus Hooglede - Gits" gespielte Europahymne ist dabei nur eines der vielen erfreulichen Zeichen.

Eine persönliche Anmerkung sei mir noch gestattet: Ich bin hingefahren, um einen restaurierten Friedhof anzusehen und sachlich über eine Gedenkveranstaltung zu berichten. Ich bin zurückgefahren mit der freudigen Gewissheit, dass hier in Flandern Menschen leben, die sich gut um unsere Kriegstoten kümmern, Menschen, mit denen ich befreundet sein möchte.

Martin Dodenhoeft