Reportage Menen

Jeder Mensch ist einzigartig

100 Jahre Kriegsgräberstätte Menen in Flandern

MENEN/BELGIEN. Große Resonanz erzielte das gemeinsame Gedenken auf der deutschen Kriegsgräberstätte im belgischen Menen, das zugleich an die Dritte Flandernschlacht vor genau 100 Jahren erinnerte. So kamen am 6. Oktober etwa 600 Besucher verschiedenster Nationalitäten an diesen Ort, die Ruhestätte für fast 48 000 deutsche Kriegstote des Ersten Weltkrieges. Den Unbekannten unter ihnen spendeten Volksbund-Förderer unter dem Motto „Blumen für Unbekannte" hunderte Blumensträuße. Zudem nahmen mehrere Angehörige von Kriegstoten an dem von Internationalität und Gemeinschaftsgefühl geprägten Gedenken teil.

Schon die große Zahl der internationalen Vertreter aus Australien, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Nepal, Neuseeland, Ungarn und den Vereinigten Staaten machte deutlich, dass dies ein besonderer Gedenktag war, der vor allem durch die Gemeinsamkeit des Gedenkens geprägt war. Neben Menens Oberbürgermeisterin Martine Fournier und dem Westflandrischen Gouverneur Carl Decaluwé traten dabei Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan sowie Michael Häusler als Vertreter der deutschen Botschafters vor den belgischen Verteidigungsminister Steven Vandeput und die anwesenden internationalen Gäste. Deutschlands Botschafter Rüdiger Lüdeking, der ebenfalls an dem Gedenken teilnehmen wollte, konnte leider durch die vom Sturmtief Xaver verursachten Verkehrsprobleme nicht anreisen.

Tradition und Zukunft

So verwies sein Stellvertreter Michael Häusler auf die bis in unsere Tage übergeordnete Rolle solcher Kriegsgräberstätten wie in Menen mit dem bekannten Juncker-Zitat: „Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen. Dort sieht man, wozu ein Nichtverstehen in Europa führen kann." Dieses Wechselspiel aus Kenntnis der Vergangenheit, der eigenen Tradition sowie der daraus erwachsenen Mahnung für Gegenwart und Zukunft, bildete dann auch das gemeinsame Fundament dieser Gedenkveranstaltung.

Zerstörende Wucht des Krieges

So formulierte es auch Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan in seinem Grußwort: „100 Jahre Kriegsgräberstätte Menen und 100 Jahre Dritten Flandernschlacht sind ein besonderer Anlass, uns auf die Lehren unserer gemeinsamen Geschichte zu besinnen und uns diesem Erbe zukunftsgerichtet zu stellen. (...) Wir nehmen daher unseren Auftrag sehr ernst, diese Kriegsgräberstätte nicht nur zu pflegen, sondern sie als Lernort zu nutzen. Wir wollen, dass die Menschen die Hintergründe erfahren, dass sie überlegen, wie es zu so einer Schlacht und so viel zerstörender Wucht kommen konnte.“

Dazu trug auch die neue Ausstellung im Eingangsgebäude von Menen bei, die beispielsweise das Schicksal der beiden Brüder Heinrich und Hermann Betke in ihrer Einzigartigkeit, in ihrem individuellen Leiden beleuchtete. Deren Enkel beziehungsweise Großneffe Gerold Betke war ebenso vor Ort und begeistert vom internationalen Gedenken wie Gerhard Jäckle und Christa Dietrich, deren Angehöriger Karl Rutsch am 5. Oktober 1917 gestorben ist. Seine letzte Ruhestätte liegt heute in Menen. Dort berichtete sein Enkel, dass der frühe Tod von Karl Rutsch die Familie bis heute erschüttert habe. Zugleich bedankte sich Gerhard Jäckle ebenso wie viele Besucher für die gute Pflege der Anlage

Blumen für Unbekannte

Tatsächlich hatte die Reservistenkameradschaft „Marsch- und Arbeitsgruppe NRW und Hessen“ die inzwischen hundertjährige Kriegsgräberstätte schon Im Vorfeld der Veranstaltung in einem freiwilligen Arbeitseinsatz vom Laub befreit, mehrere hundert Namenszüge auf den Grabplatten nachgezeichnet und auch das historische Mosaik in der Gedenkhalle wieder vom Staube gereinigt. Zudem legten sie unter dem Motto „Blumen für Unbekannte“ hunderte Blumensträuße für die als Unbekannte bestatteten Kriegsopfer nieder, die zuvor von Volksbund-Förderern gespendet worden waren. Damit waren sie zugleich ein wichtiger Teil des internationalen Gedenkens an diesem besonderen Tag.

Zu einem besonderen Erlebnis wurde das Gedenken aber auch durch das Geschenk, das die Angehörige Dorian Johannsen in Erinnerung an ihren Urgroßvater Peter Jasper, der ebenfalls in Menen bestattet wurde, der belgischen Gemeinde machte: Es handelte sich um ein vor hundert Jahren von seiner Frau Maria handgesticktes Tuch, auf dem auch die berühmten Löwen als flämische Wappentiere mit viel Liebe eingestickt wurden. Künftig wird diese feine Handarbeit Eingang in die Menener Stadtausstellung finden.

Die Einzigartigkeit der Menschen

Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan lag diese persönliche Form des Gedenkens ebenso wie den 600 internationalen Gästen besonders am Herzen: „Denn dies ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit: den einzelnen Menschen aus der schier unüberschaubaren Zahl der Toten herauszuheben und ihm seine Einzigartigkeit zurückzugeben. Oftmals wird erst so bewusst, dass die hier ruhenden Väter, Brüder, Söhne und Enkel noch große Träume, Pläne, Erwartungen und Wünsche für ihr Leben hatten, als sie in diesen Krieg geschickt wurden. (...) Deshalb begreifen wir Friedhöfe wie diesen in Menen und in 46 anderen Ländern als historische Lernorte. Sie halten uns die Folgen von Krieg und Gewalt vor Augen. Sie mahnen uns, aufmerksam zu sein.“

Maurice Bonkat

Impressionen der Veranstaltung